Wie riskant ist es, mit einem Kredit ETF-Investments zu finanzieren?

Lesedauer 6 Minuten

Die Beliebtheit von ETF-Investments wirft die Frage auf, ob man für den Kauf von ETF einen Kredit aufnehmen sollte. Die Kreditaufnahme für den Kauf von Wertpapieren ist nichts Ungewöhnliches. Bei sogenannten Wertpapierkrediten dienen hinterlegte Wertpapiere als Sicherheit.

Das bekannteste Beispiel dafür sind die sogenannten Lombardkredite. Die Banken leihen sich bei der Bundesbank Geld und besichern diese mit Wertpapieren. Wie gestaltet sich die Kreditaufnahme für private Anleger beim ETF-Erwerb und was sollten Sparer dabei beachten?

Wie war es in der Vergangenheit mit kreditfinanzierten Wertpapierkäufen?

ETF-Investments auf Kredit können ins Auge gehen
Business graphs with glowing arrows moving down

Die Dotcom-Blase um das Jahr 2000

Vielleicht gehörst du ja noch zu der Altersgruppe, die den schier unglaublichen Höhenflug um Tech-Papiere Ende der 90er-Jahre mitbekommen hat.

Yahoo, Amazon, Linux Red Hat, Softbank waren nur einige der Papiere, die “man einfach im Depot haben musste”. Wer damals nicht zweistellige Renditen eingefahren hatte – am Tag! – war selbst daran schuld. Studenten, Rentner, Menschen, die bis dahin höchstens ein Sparbuch hatten, sprangen auf den Zug auf.

Kredite für Aktienkäufe waren keine Seltenheit

Die Kreditaufnahme für den Kauf der Aktien war auch keine Seltenheit mehr. Im März 2000 schaukelten sich die Börsenwerte hoch und höher. Der Dax erreichte ein Allzeithoch und mit dem Börsengang von Infineon am 13. März wurden so viele Aktien gehandelt, dass die Computersysteme der Börse und einiger Banken kollabierten.

Dann kam der 15. März 2000. Die sogenannte Dotcom-Blase platzte mit einem lauten Knall, die Kurse der Tech- und BioTech-Aktien fielen ins Bodenlose. Gerade in den USA hatten sich viele Menschen verschuldet, um an diesem Hype zu partizipieren. Manch ein Anleger verlor Haus und Hof.

Kreditfinanzierte Wertpapierkäufe im Tagesgeschäft

Die Geeignetheitsprüfung als Voraussetzung für kreditbasierte ETF-Investments

Wir hatten es eingangs erwähnt, Wertpapierkredite sind nichts Außergewöhnliches. Mit der Geeignetheitsprüfung müssen die Banken vor der Eröffnung eines Depots kontrollieren, ob der Anleger

  • über das notwendige Wissen zu den geplanten Anlageklassen verfügt
  • das geplante Anlagevolumen in einem gesunden Verhältnis zu seinen wirtschaftlichen Voraussetzungen steht
  • bereits Erfahrungen im Handel mit den gewünschten Anlageklassen sammeln konnte.

Diese Prüfung findet grundsätzlich statt. “Zustände” wie Ende der 90er-Jahre, als Menschen auf den Zuruf vom Nachbarn Aktien kauften, ohne zu wissen, womit das Unternehmen überhaupt handelt, sollen damit im Vorfeld ausgeschlossen werden und damit auch das Risiko des Totalverlustes bei einer Kreditaufnahme.

Wie verschiedene Anlagen beliehen werden können

Praktisch alle Broker und die meisten Banken bieten ihren Kunden Wertpapierkredite an. Werden im Gegenzug als Sicherheit der Bestand oder zumindest Teile des Bestandes des Depots abgetreten, gelten allerdings Grenzen für die Höhe der akzeptierten Sicherheit:

  • Bundesanleihen werden als mündelsichere Wertpapiere mit 100 Prozent des Nominalwertes beliehen.
  • Anleihen, Rentenfonds und ETFs auf Anleihen in Euro mit guter Bonität können mit 80 Prozent des Nominalwertes als Sicherheit gestellt werden.
  • Aktien, Aktienfonds und ETFs auf Aktien beispielsweise der DAX-Unternehmen oder STOXX-50 akzeptieren die Banken mit einer Bandbreite zwischen 40 Prozent und 60 Prozent des Kurswertes als Sicherheit.

Natürlich können Anleger aber auch einen Ratenkredit mit freiem Verwendungszweck aufnehmen, und damit ETFs oder andere Papiere ihrer Wahl kaufen. Die Zinsen fallen allerdings höher aus, als bei einem klassischen Wertpapierkredit.

Vorteile des kreditfinanzierten Wertpapierkaufs

Die Geschehnisse im März des Jahres 2000 haben keine allgemeingültige Aussagekraft. Angenommen, ein Anleger findet einen ETF mit enormem Wachstumspotenzial, beispielsweise Rohstoffe, besteht ja durchaus die Chance, dass der Wertzuwachs des Fonds die Kreditkosten deutlich übersteigt. Allerdings prallen hier zwei theoretische Ansätze aufeinander.

Investments in Aktien oder Aktien-ETFs sollten bekanntermaßen, sofern kein Day-Trading die Intention ist, sondern Vermögensaufbau, auf mindestens fünf Jahre, idealerweise zehn Jahre Mindesthaltedauer ausgelegt sein.

André Kostolany, inzwischen verstorbener legendärer Börsenguru, sagte einmal

Kaufen Sie Aktien, nehmen Sie Schlaftabletten und schauen Sie die Papiere nicht mehr an. Nach vielen Jahren werden Sie sehen: Sie sind reich.

Diese Aussage verdeutlicht die Relevanz der Haltedauer beim Aktien- oder Aktien-ETF-Kauf.

ETFs auf Pump zu erwerben, mit einem dennoch soliden Eigenkapitalanteil, können durchaus renditefördernd sein. Das bedeutet, dass das vorhandene Eigenkapital das kreditfinanzierte  Anlagevolumen deutlich übersteigen muss. Einen kleinen Anteil am Depot über eine Kreditaufnahme zu erwerben, ist auf jeden Fall besser als eine verpasste Renditechance.

Risiken bei ETF-Investments auf Kredit

Auf der anderen Seite steht aber der Wunsch der Anleger, das Darlehen möglichst schnell abzubezahlen, idealerweise sogar mit den Erträgen aus den Wertpapieren. Je früher die monatliche Rate entfällt, umso schneller erhöht sich die Nettorendite aus dem Trade. Die Nettorendite spielt bei ETFs eine entscheidende Rolle. Die deutlich günstigeren Kostenquoten heben die Rendite gegenüber klassischen Fonds mit relativ hohen Verwaltungskosten durch das aktive Fondsmanagement deutlich ab.

Es gilt bekanntlich der Spruch “Kein Darlehen ist das beste Darlehen”. Wenn du ETFs auf Kredit kaufst, befindest du dich in diesem Spannungsfeld. Kommt es zu einem Börsencrash und dein Anlagehorizont für die ETFs war zeitlich begrenzt, verpasst du unter Umständen die Chance der Kurserholung. Dein chancenreicher kreditfinanzierter ETF-Erwerb wandelt sich in ein dickes Minusgeschäft. Du zahlst nicht nur die Zinsen auf das Darlehen, der Gegenwert, den du im Depot hältst, liegt auch noch unter dem Kreditbetrag, den du an die Bank zurückzahlen musst.

Exkurs: Wann kommt welche Anlageklasse infrage?

Ein kleiner Tipp zum Thema “Zielsparen”: Möchtest du mit deiner Sparleistung zu einem bestimmten Zeitpunkt über einen festen Betrag verfügen, lege den Fokus auf ETFs mit Rentenpapieren. Aktien sollten in diesem Fall nur der Beimischung dienen.

Planst du jedoch einen langfristigen Vermögensaufbau, vielleicht über 20 oder 25 Jahre, beispielsweise als zusätzliche Altersversorgung, lege deinen Fokus auf dynamische Aktien-ETFs. Kurskapriolen an der Börse werden bei solchen Anlagedauern immer wieder ausgeglichen. Um auf der ganz sicheren Seite zu sein, empfiehlt es sich, in den letzten Jahren der Laufzeit den Depotbestand und gegebenenfalls mögliche Sparreiten sukzessive in konservativere ETFs umzuschichten.

Lohnen sich ETF-Investments auf Kredit?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, einen ETF zu erwerben. Entweder investierst du einmal einen Betrag, oder du wählst die Option eines ETF-Sparplans oder willkürlicher Käufe in kleinen Tranchen. Der Anteilserwerb im Rahmen eines Sparplans hat den Vorteil des Durchschnittskosteneffektes. Mit einer festen Sparrate werden bei schwankenden Kursen unterschiedliche Anteilsmengen erworben. Dieser Effekt spielt den Anlegern in der Regel in die Hände. Experten empfehlen sogar, wenn ein größerer Einmalbetrag angelegt werden soll, diesen auch in mehrere Teilbeträge aufzusplitten.

Wertpapierkurse, auch die von ETFs, unterliegen Kursschwankungen. Wer heute ETF-Anteile kauft, stellt möglicherweise in einer Woche fest, dass die Kurse leicht nachgegeben haben. Hätte er doch nur gewartet… Hätte, hätte.

Eines steht fest: Den “richtigen” Zeitpunkt zum Anteilserwerb gibt es nicht. Aber Anleger können diese Preisrisiken relativieren, indem sie den Anteilserwerb über einen längeren Zeitraum aufteilen. Die Grundlage ist, dass der Anleger jeden Monat für einen festen Betrag eine wechselnde Anzahl von Anteilen erwirbt. Wer jeden Monat eine feste Größe von ETF-Anteilen kauft, zahlt in der Regel mehr.

Fester monatlicher Kaufpreis Fester monatlicher Anteilserwerb
MonatKurs (Preis pro Anteil)Gekaufte Anteilemonatli-che AusgabenMonatKurs (Preis pro Anteil)Gekaufte Anteilemonatli-che Ausgaben
Januar254100Januar255125
Februar205100Februar205100
März402,5100März405200
April254100April255125
Mai1010100Mai10550
Juni205100Juni205100
Durchschnittspreis19,67Durchschnittspreis23,33

Der Erwerb mit festem Beitrag jeden Monat senkt den Durchschnittspreis und erhöht damit die Gewinne bei Verkauf im Vergleich zu dem Kauf einer feststehenden Summe an Anteilen.

ETF-Investments per Kredit oder Sparplan?

Wer ETF-Anteile auf Kredit kauft, muss jeden Monat eine feste Rate an die Bank zurückzahlen. Wie würde es aussehen, wenn statt des Einmalkaufs auf Kredit der Anleger jeden Monat den Betrag, den die Kreditrate ausmacht, in einen Sparplan steckt?

Ein Beispiel zur Verdeutlichung

Wir unterstellen einmal einen Einzelkauf in Höhe von 5.000 Euro. Der Anleger nimmt für den Erwerb einen Kredit in dieser Höhe, 5.000 Euro, auf. Die Rückzahlungsdauer für das Darlehen beträgt  fünf Jahre, der Zinssatz fünf Prozent pro Jahr. Daraus ergibt sich eine jährliche Rate in Höhe von 1.132,27 Euro, monatlich 94,36 Euro. Für unser Beispiel unterstellen wir, dass der Kurs des ETFs über die gesamten fünf Jahre gleich bleibt und der Anleger monatlich investiert.

Angenommen, der Anteilswert bliebe in diesem Beispiel über die Darlehenslaufzeit konstant.

JahrSchuldenstand VorjahrRaten- zahlungendavon Zinsen / Gebührendavon TilgungSchuldenstand am Jahresende
15.000,001.132,27229,5902,784.097,22
24.097,221.132,27183,31948,963.148,26
33.148,261.132,27134,76997,512.150,74
42.150,741.132,2783,721.048,551.102,20
51.102,201.132,2730,081.102,200
Gesamt- summen5.000,005.661,37661,375.000,000

Der Gesamtaufwand für das Darlehen beträgt 5.661,37 Euro. Hätte er statt der Kreditaufnahme das Geld für die monatliche Rate direkt in einen ETF-Sparplan investiert, wäre sein Investment um 661,37 Euro höher ausgefallen. Das Geld für die Zinsen wäre ebenfalls in Anteile geflossen. 

Der Anleger bezahlt in der Summe 5.661,37 Euro an die Bank. Wäre das Geld in einen Sparplan geflossen, hätte er bei einem Anteilspreis von zehn Euro nicht 50 Anteile erworben, sondern 56,61 Anteile.

Der Kredit für ETF-Investments schneidet schlechter ab

Die Kosten für die Zinsen belaufen sich auf 13,23 Prozent der Kreditsumme, 2,65 Prozent pro Jahr. Damit die Rendite des Fonds diese Kosten trägt, muss der ETF folglich mindestens 2,65 Prozent im Jahr erwirtschaften. Das sollte gelingen, aber es bleiben als Nachteil die 6,61 Anteile, die bei einem Sparplan zusätzlich erworben wurden und bei einem Kredit den Zinsen zum Opfer fallen.

Fazit: Von ETF-Investments auf Kredit ist Privatanlegern eher abzuraten

Besser keine ETF-Käufe per Kredit
Business person analyzing financial statistics displayed on the tablet screen

Vorab sei gesagt, dass ETF-Investments auf Kredit nur von erfahrenen Anlegern in Anspruch genommen werden sollte. Das Risiko des Kurseinbruchs in Bezug auf die Finanzierung muss abgesichert sein.

Grundsätzlich können ETF-Investments auf Pump lohnenswert sein. Die Darlehenslaufzeit sollte aber nur so kurz wie möglich ausfallen, um die renditemindernden Zinskosten zu drücken. Auf der anderen Seite haben wir aber gesehen, dass die direkte Anlage der Kreditrate in Anteile nicht nur den Cost-Average-Effekt fördert, sondern auch zu einem zusätzlichen Mehrerwerb an Anteilen führt. Die Finanzierung per Kredit bedeutet einen Kauf der Anteile in einem Stück, der Sparplan als Alternative in kleinen Tranchen.

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2 Gedanken zu „Wie riskant ist es, mit einem Kredit ETF-Investments zu finanzieren?“

  1. Hallo!

    Vielen Ausführungen in dem Artikel kann ich zustimmen.

    Allerdings ist der Vergleich mit den „festen monatlichen Kaufpreis“ und dem „festen monatlichen Anteilserwerbs“ doch komplett unrealistisch und an den Haaren herbeigezogen!
    Der Kurs pro Anteil ist extrem unrealistisch und extrem stark schwankend (in einem Monat Verdopplung, dann nahezu Halbierung, nochmal mehr als Halbierung und dann wieder Verdopplung???).

    Man kann sich hier genauso an den Haaren herbeigezogene Kurse ausdenken, sodass ein fester monatlicher Anteilserwerbs positiver erscheint.

    Grüße

    Antworten
    • Hi,

      trotzdem werden die meisten Privatanleger bei einem ETF-Sparplan einen festen Sparbeitrag pro Monat festlegen, für den sie je nach Kurs des ETFs / der ETFs mal mehr und mal weniger ETF-Anteile kaufen. Aber prinzipiell gebe ich dir recht.

      Viele Grüße

      Jürgen

      Antworten

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