Factor Investing: Den Markt mit Indexfonds schlagen

Lesedauer 12 Minuten

Factor Investing ist hochaktuell und im Folgenden wird näher beleuchtet, was man darunter versteht und wie diese Anlagestrategie funktioniert.

Das Konzept des Factor Investing basiert auf renditebestimmenden Faktoren, die die moderne Kapitalmarktforschung entdeckt hat.

Erklärungs-Faktoren der Aktienrendite

Faktoren sind Merkmale, die einen Beitrag zur Erklärung von Aktienrenditen leisten können.

Factor-Investing: Erklärungs-Faktoren der Aktienrendite

Entnommen aus: ETF-EXTRAMAGAZIN-Spezial, September 2018, S. 7.

Dabei setzt sich die Aktienrendite sowohl aus der

  • Kennziffer Alpha und
  • den Aktienfaktoren als auch aus der
  • Kennziffer Beta,

zusammen, wobei der griechische Buchstabe Beta in der Investmentsprache die Wertentwicklung eines breiten Aktienmarktes bezeichnet.

Die Kennziffer Alpha veranschaulicht dagegen die abweichende Wertentwicklung eines Fonds gegenüber der Entwicklung der verwendeten Maßgröße, auch Benchmark genannt.

Ein positives Alpha deutet  dabei  auf ein besonders erfolgreiches Fondsmanagement hin.

Beim Factor Investing geht es also um die Aktienfaktoren, die jeweils einen Beitrag zur Rendite von Aktien leisten können.

Was versteht man nun genau unter Factor Investing?

Die Anfänge des Factor Investing gehen auf die Value-Ansätze von Benjamin Graham und David Dodd in den 1930er Jahren zurück.

In den 1960ern identifizierte William Sharpe verschiedene Risiko-Faktoren, die die Aktienrendite bestimmen.

Eine Gruppe innovativer Finanzökonomen legte in den 80er- und 90er-Jahren die Grundlage für Methoden, mit denen man heute die renditebestimmenden Faktoren in den Wertpapiermärkten identifiziert.

Unter anderem haben Eugene Fama und Kenneth French dem Factor Volatilität zwei weitere hinzugefügt, die nach ihrer Erkenntnis die Rendite stark beeinflussen:

Die Marktkapitalisierung und das Buch-Marktwert-Verhältnis.

Demnach schneiden Aktien von Unternehmen mit geringer Marktkapitalisierung (Small Caps) besser ab als solche mit hoher Marktkapitalisierung.

Und:

Aktien mit einem hohen Buch-Marktwert-Verhältnis, also Value-Titel, schneiden besser ab als Growth-Titel.

Die bekanntesten Faktor-Prämien bei Aktien

Die bekanntesten Faktor-Prämien bei Aktien

Mittlerweile werden meist fünf verschiedene Faktor-Prämien unterschieden:

Small-Size-Prämie

Die wohl berühmteste und zugleich einfachste Factor-Prämie ist der Small-Size-Effekt, der Anfang der 80er-Jahre erstmalig dokumentiert wurde.

Dieser Small-Size-Effekt besagt, dass kleine Aktiengesellschaften statistisch höhere Renditen haben als große.

Dabei wird die Unternehmensgröße anhand der Marktkapitalisierung gemessen und es sind nach dem Index-Hersteller MSCI die untersten 15 Prozent der Unternehmen gemessen anhand ihrer Marktkapitalisierung.

So betrug die mittlere Marktkapitalisierung eines Small Caps im Juli 2017 rund 860 Millionen US-Dollar.

Der Grund, warum Small Caps im langfristigen Durchschnitt höher rentieren  als Large Caps, liegt darin, dass sie risikoreicher sind.

Value-Prämie

Value-Aktien weisen relativ zu ihren Fundamentaldaten, wie

  • Umsatz,
  • Cash-Flow,
  • Gewinn oder
  • Bucheigenkapital

einen besonders niedrigen Aktienkurs auf.

Sie sind also unterbewertete Aktien.

Drei bekannte Kennzahlen, mit denen man den „Value-Grad“ einer Aktie messen kann, sind das

  • Kurs-Gewinn-Verhältnis oder auch KGV,
  • das Kurs-Buchwert-Verhältnis und die
  • Dividendenrendite.

Die Value- und die Small-Size-Prämie sind die überzeugendsten Faktoren:

Small Caps sind einfach risikoreicher als Large Caps, weil sie als Unternehmen aufgrund ihrer geringen Größe tendenziell schlechter diversifiziert und fragiler sind.

Value-Aktien sind definitionsgemäß billige Unternehmen relativ zu ihrer fundamentalen Gewinn- und Cash-Flow-Erzeugung.

Im Vergleich hierzu besitzen alle anderen Faktorprämien weniger überzeugende Begründungen.

Quality-Factor

Quality-Aktien sind solche, die bei einer Reihe betriebswirtschaftlicher Kennzahlen besonders vorteilhafte Werte besitzen.

Zu diesen Kennzahlen gehören u. a.:

  • Niedrige Verschuldung,
  • Hohe Profitabilität und
  • Stabilität und Qualität von Gewinnen.

Low Volatility-Factor

Low Volatility-Aktien sind solche, bei denen die Standardabweichung der Monats- und Jahresrenditen besonders niedrig ist.

In den 23 Jahren von Juli 1994 bis Juni 2017 hatte der MSCI World Standard Minimum Volatility eine um über einen Prozentpunkt höhere Rendite als der marktneutrale MSCI World Standard Index.

Momentum-Factor

Das Momentum ist ein rein verhaltensorientierter Factor, der wie die Volatilität anhand der Kurshistorie einer Aktie berechnet wird:

Dahinter steckt:

Anleger kaufen lieber Gewinner als Verlierer.

Von Momentum ist also die Rede, wenn sich der Kurs einer Aktie besser als der Gesamtmarkt entwickelt.

Im Momentum wird also die Geschwindigkeit bzw. die Stärke einer Kursbewegung gemessen.

Durch die fortlaufende Quantifizierung dieser „Schwungkraft“, d.h. deren Richtung bzw. Ab- oder Zunahme, ist das Momentum einer der wenigen Indikatoren, der auf einen bevorstehenden Trendwechsel hinweisen kann.

Oft beginnen Auf- oder Abwärtstrends mit starken Kursbewegungen, die dann im Zeitablauf wieder an „Schwungkraft“ verlieren.

Diese „Schwungkraft“ der Kurse wird nun im Momentum analysiert, wobei sich die Beobachtungen auf die

  • Kursrichtung,
  • die Geschwindigkeit der Kursbewegung und
  • auf die Veränderungsrate der Geschwindigkeit

beziehen.

Was bedeutet nun konkret Factor Investing?

Was bedeutet nun konkret Factor-Investing?

Factor Investing ist das Übergewichten von Faktorprämien in einem Portfolio gegenüber einer marktneutralen Gewichtung.

Durch die Übergewichtung von Factor-Prämien soll eine Mehrrendite gegenüber einer marktneutralen Abbildung einer Anlageklasse erzielt werden.

Dabei ist Factor-Investing u. a. auch als Smart-Beta-Investing bekannt und das Ergebnis ist die zweite Generation an börsengehandelten Indexfonds, nämlich sogenannte Smart-Beta-ETFs.

Das Beste aus zwei Welten

Factor-Investing: Das Beste aus zwei Welten

ETFs sind der Anlagetrend unserer Zeit.

Weltweit gibt es inzwischen mehr als 7.000 verschiedene ETFs, in die Anleger mittlerweile über 5 Billionen US-Dollar investiert haben.

Keine andere Anlageform konnte zuletzt so stark wachsen.

ETFs sind deshalb die Zukunft der Geldanlage für Privatanleger.

Während die erste Generation von ETFs einfach einen Börsenindex – wie zum Beispiel den MSCI World Index – abgebildet hat und Anlegern die Marktrendite ohne Risiko lieferte, gibt es jetzt eine zweite Generation von ETFs, die besser als der Markt abschneiden möchte.

Seit geraumer Zeit sind Smart Beta-ETFs in aller Munde.

Diese Art von ETFs versucht, das Beste aus der passiven und der aktiven Investment-Welt zu vereinen.

Das klingt dast zu gut, um wahr zu sein.

Geht das denn überhaupt?

Das Ziel des Factor Investing ist, den Markt zu schlagen oder ihn mit einem besseren Rendite-Risiko-Verhältnis nachzubilden.

Das ist genau das, was aktive Investmentfonds auch versuchen.

Beim Factor Investing verfolgen jedoch alle ETFs einen Index, den sie regelbasiert nachbilden.

Damit bieten auch sie die Vorteile des passiven Investierens wie u. a.

  • Einfachheit,
  • Transparenz,
  • Flexibilität und
  • geringe Kosten.

Doch es gibt Experten, die sowohl in der passiven als auch in aktiven Investmentstrategien deutliche Nachteile sehen:

„Während aktiv gemanagte Fonds – die den Markt stets schlagen wollen – hohe Kosten haben, sei der passive Ansatz zwar kostengünstig, aber auch nur die Summe aus Gut und Schlecht .“

So Nouriel Roubini , ein US-amerikanischer Nationalökonom.

Und das, was der Anleger erhalte, sei ja lediglich die durchschnittliche Marktrendite.

Der aktive Ansatz böte da zwar Abhilfe, doch seien aktiv gemangte Fonds erstens teuer und zweitens ineffizient, da 95 Prozent schlechter abschnitten als ihre Benchmark.

Zudem seinen sie volatil und riskant.

Deshalb könnte im Factor Investing die Zukunft der Geldanlage liegen.

Diese Art von ETFs versucht das Beste aus der passiven und der aktiven Investment-Welt zu vereinen.

Hinter den angeblich so schlauen Geschwistern börsengehandelter Indexfonds verbergen sich Algorithmen, die das klassische ETF-Produkt verbessern sollen.

Ihr Ziel ist es, mehr Rendite zu erzielen und weniger Risiko einzugehen.

Doch können sie dieses Versprechen auch einlösen?

Wie Factor Investing funktioniert

Smart Beta-ETFs versuchen Markt-Anomalien zu nutzen, die dafür bekannt sind, langfristig den Markt zu schlagen. 

Eine solche Anomalie sind beispielsweise unterbewertete Unternehmen, hochprofitable Unternehmen, kleine Unternehmen und jene, deren Aktienkurse in den letzten zwölf Monaten gestiegen sind und sich besser als der Gesamtmarkt entwickeln.
 
Bei Smart Beta wird ein vom Marktindex abgewandelter Index geschaffen, der regelbasiert nur die Unternehmen auswählt, die bestimmten Kriterien entsprechen.

Diese Kriterien werden auch „Faktoren“ genannt, die wir ja bereits kennengelernt haben.

Smart-Beta-Investing

Abbildung entnommen aus: https://www.justetf.com/de/news/etf/was-ist-ein-smart-beta-etf.html vom 22.04.2018

Bei den neuen Produkten wird der Index zwar noch als Basisgröße herangezogen, aber die einzelnen Werte werden nicht nach der Marktkapitalisierung gewichtet, sondern nach anderen Kriterien ausgewählt.

Beim Factor-Investing versucht man also mit Hilfe einer Formel eine andere Titelgewichtung als im Marktindex vorzunehmen oder andere Wertpapiere auszuwählen.

Ein Factor ETF auf unterbewertete Aktien würde zum Beispiel die günstig erscheinenden Aktien aus dem Marktindex übergewichten und die teuer erscheinenden Aktien untergewichten, oder sogar ganz aussortieren. 

Dadurch wäre es beispielsweise möglich, dass Facebook mit nur einem Prozent in unserem fiktiven Smart Beta-Index gewichtet oder überhaupt nicht vertreten wäre. Facebook könnte aber auch mit zehn Prozent viel stärker gewichtet sein, wenn Facebook nach der Formel als unterbewertet im Vergleich zum restlichen Markt gelten würde.

Durch die Verwendung einer Formel für die Indexgewichtung, die günstige Unternehmen übergewichtet, versucht ein Smart Beta-ETF den Markt und damit den Referenzindex zu schlagen, indem er mehr Anteile von Unternehmen hält, die sich historisch besser entwickelt haben.
 
Das bedeutet aber auch, dass manche Smart Beta-Index-Konzepte sehr komplex sein können.

Außerdem sind ETFs auf Smart Beta-Indizes unter Umständen teurer und fordern einen stärkeren Handelsumfang in den Basiswerten des Index als ein ETF auf den „normalen“ Marktindex.

Dennoch sind sie immer noch wesentlich günstiger im Vergleich zu aktiv gemanagten Investmentfonds.

Während diese in der Regel 1,5 bis 2 Prozent p. a. an Verwaltungskosten verursachen, kosten ETFs der ersten Generation durchschnittlich lediglich 0,34 Prozent p. a.

Doch Smart-Beta-ETFs brechen mit fast allen Prinzipien, die die Geldanlage in ETFs für Anleger so wertvoll macht.

Sie sind meist weder einfach zu verstehen, noch sind sie besonders günstig.

Das weltweite Angebot aller Factor-Strategien im Indexfondsmantel ist in wenigen Jahren auf knapp 1.500 ETFs gestiegen, wobei Investoren ihnen aktuell rund 709 Milliarden US-Dollar anvertrauen.

In den USA decken sie bereits ein Fünftel des Indexfonds-Marktes ab, in Europa 8 Prozent.

Tendenz ebenfalls steigend.  

Worin liegen nun die Gründe für das rasante Wachstum?

Gründe für das Wachstum des Factor Investing

Gründe für das Wachstum des Factor-Investing

Dazu gehören auf jeden Fall die die seit Jahren mauen Ergebnisse der gemanagten Wettbewerber.

Das Vorjahr markiert dabei einen neuen Tiefpunkt, denn wesentlich katastrophaler hätten die Ergebnisse kaum ausfallen können:

Lediglich 24 Prozent der Fondsmanager schafften es, ihren jeweiligen Vergleichsindex zu schlagen.

2017 gelang das immerhin noch knapp der Hälfte (48 Prozent).

Das war allerdings ein Ausreißer nach oben, denn der Zehnjahresdurchschnitt liegt bei gerade einmal 36 Prozent.

Tatsächlich beeindrucken die überdurchschnittlichen Gewinne, die Factor-Strategien gegenüber Marktindizes erzielen können.

In jedem Fall sind Factor-Anlagen auf dem Vormarsch:

Jüngst hat etwa der Online-Vermögensverwalter Scalable Capital seine Palette an Anlageinstrumenten mit vier Factor ETFs bereichert:

Das Quartett deckt europa- und weltweit jeweils die Faktoren Value und Momentum ab.

„Wir nehmen die Die ETFs auf, weil Faktor-Indizes langfristig ein besseres Rendite-Risiko-Verhältnis aufweisen als klassische Indizes, die nach Marktkapitalisierung gewichtet sind“,

so Scalable-Geschäftsführer Erik Podzuweit.

Eine zunehmend wichtige Rolle spielen dabei sogenannte Multi-Factor ETFs, die mehr als einen Faktor bzw. eine Strategie beinhalten.

Multi-Factor-ETFs als neuester Trend am ETF-Markt

Factor Investing mit Multi-Factor-ETFs

Bei einem Single-Factor-Index werden die dazugehörigen Wertpapiere definitionsgemäß nur anhand eines Factor-Prämien-Kriteriums geprüft und ausgewählt.

Factor-Prämien interagieren jedoch, denn sie sind nicht völlig unabhängig voneinander:

Manche verstärken sich gegenseitig, manche schwächen sich gegenseitig, manche korrelieren hoch miteinander (das ist schlecht), manche niedrig, (was gut ist).

Es gibt auch ETFs, die darauf abzielen, zwei oder mehrere der oben genannten Faktoren zu kombinieren.

Das sind sogenannte Multi-Factor-ETFs.

In der Regel werden hier die Faktoren

  • Quality,
  • Momentum,
  • Value und
  • Small Size

miteinander kombiniert.

Durch die Kombination dieser Faktoren ist es möglich, Wertpapiere auszuwählen, die beispielsweise sowohl eine überdurchschnittliche Rendite versprechen als auch historisch geringe Schwankungen gezeigt haben.

Gerade die Kombination der Faktoren „Small Cap” und „Low Volatility” kann so einen Fonds ergeben, der von der höheren Risikoprämie der Small Size profitiert, während gleichzeitig das zusätzliche Risiko der kleineren Unternehmen abgemildert wird.

Wodurch ein günstigeres Rendite-/Risiko-Verhältnis gegenüber einer einfachen Small Cap-Strategie erreicht wird.

Zusätzlich können natürlich weitere Faktoren hinzugezogen werden, um besonders gut geführte Unternehmen (hohe Qualität) gegenüber anderen überzugewichten, die weniger gut geführt werden.

Generell berücksichtigt die simple Kombination mehrerer Single-Factor-Indizes in einem Portfolio dieses vielfaltige Interagieren von Factor-Prämien nicht systematisch.

Ein integrierter Multi-Factor-Index hingegen tut das sehr wohl.

Umfasst der Multi-Factor-Index bspw. die vier Faktor-Prämien

  • Small Size,
  • Value,
  • Quality und
  • Momentum,

dann muss jede einzelne Aktie, die dieser Index repräsentiert gleichzeitig die vier Kriterien für Small Size, Value, Quality und Momentum erfüllen.

In einem solchen Index werden die gegenseitigen Verstärkungen mancher Factor-Prämien maximiert.

Man kann das als Ausnutzen der positiven Synergien zwischen manchen Faktor-Prämien bezeichnen.

Faktoren können jedoch „aus der Mode kommen“ und dem Markt einige Jahre hinterherlaufen.

Durch das Eingehen bestimmter Risiken erwarten Anleger, die Rendite zu steigern, wenn die Konjunktur und Marktstimmung sich positiv auf bestimmte Smart Beta-Faktoren auswirkt.

In der Vergangenheit haben sich die Faktoren „Value”, „Momentum” und „Small Cap” eher prozyklisch entwickelt:

Erfolg des Factor Investing in den Marktzyklen

Quelle: DWS.com

Sie entwickelten sich also besonders gut, wenn die Wirtschaft wuchs und Inflation und Zinsen stiegen.

„Quality” und „Low Volatility“ hingegen zeigten sich eher defensiv und lieferten gerade in schlechteren Marktphasen eine bessere Performance im Vergleich zum Marktindex.

Daher müssen Sie auch darauf vorbereitet sein, dass das Smart Beta-Versprechen, den Markt zu schlagen, eventuell in der nächsten Marktphase nicht eintrifft oder sich erst nach Jahren der Under-Performance einstellt.

Allerdings haben die oben vorgestellten Faktoren in der Vergangenheit gezeigt, dass sie in vielen

  • Ländern,
  • Anlageklassen und
  • über Jahrzehnte

funktioniert haben.

Gerade das ist ein wesentlicher Grund dafür, warum Factor Investing so beliebt geworden ist.

Factor Investing: Die wahren Renditebringer

Faktor-Strategien wurden empirisch geprüft

Eine ganze Reihe jüngerer Untersuchungen zeigt, dass Factorbasierte Strategien langfristig höhere Renditen bringen können als der Markt – teilweise sogar mit geringerer Volatilität (Schwankungsintensität).

Wer nach solchen Ansätzen investiert, sollte einige Fallstricke dieser Strategien kennen:

Factor- oder Risikoprämien-Strategien orientieren sich an einem Zusammenhang, den Ökonomie-Nobelpreisträger Eugene Fama aufzeigte:

Nach seiner Auffassung gibt es kein uniformes Markt-Beta, wobei der griechische Buchstabe in der Investmentsprache die Wertentwicklung eines breiten Aktienmarktes bezeichnet.

Vielmehr lässt sich die Marktrendite in verschiedene Risikofaktoren zerlegen. Variablen wie Region oder Sektor erklären dabei nur zum Teil die Marktrendite.

Erst zusätzliche Faktoren wie Value oder die Unternehmensgröße (Size) ermöglichten ein vollständigeres Bild, argumentierten Fama und sein Co-Autor French in einer wegweisenden Studie aus dem Jahre 1992, dem sogenannten Drei-Faktoren-Modell.

Zahlreiche andere Wissenschaftler bestätigten mit diversen empirischen Studien, dass sich Aktienrenditen in verschiedene Risikofaktoren aufschlüsseln lassen.

Inzwischen wurden inzwischen mehrere hundert Rendite-Faktoren ausgemacht, durch die sich angeblich ein Mehrertrag generieren lässt.

In diesem Zusammenhang wird auch von einem „Factor-Zoo“ gesprochen.

In der Investmentpraxis und bei der Konstruktion von ETFs wird jedoch meist auf die fünf am besten erforschten Faktoren abgestellt:

  • Value, also Aktien mit niedriger Bewertung;
  • Size, Aktien mit geringer Marktkapitalisierung,
  • Momentum, also Aktien, deren Kurse sich besser als der Gesamtmarkt entwickeln;
  • Quality, verstanden als Aktien ertragsstarker Unternehmen mit goldener Bilanz;
  • Low Volatility, also Aktien mit niedriger bzw. unterdurchschnittlicher Volatilität.

Auf Investoren wartet jedoch schon hier der erste Fallstrick:

Zur Beurteilung der einzelnen Factoren verwenden ETF- und Indexanbieter unterschiedliche Kennzahlen und Konzepte.

In Bezug auf die Effektivität der verschiedenen Faktoren dürfen sich Anleger ebenfalls keinen Illusionen hingeben:

Nicht alle Indikatoren funktionieren zu jeder Zeit gleich gut, und nicht jeder Indikator funktioniert in jeder Branche und in jeder Region.

Beispiel für einen Multi-Factor-ETF

iShares-Multifaktor-ETF

Quelle: justetf

Multi-Factor-ETFs machten 2018 das Gros der neu auf den Markt gekommenen Factor-ETFs aus.

Diese Fonds mischen wenigstens drei Faktoren und haben den Anspruch, sich weniger abhängig vom Markt zu entwickeln und somit ein besseres Rendite-Risiko-Profil als Einzelfaktor-Strategien zu erzielen.

Mit den größten Anlegerzuspruch erntete bislang der rund eine halbe Milliarde Euro schwere iShares Edge MSCI World MultiFactor Ucits ETF USD (Acc) (WKN A14YPA), der mit seinem Start im September 2015 bereits zu den Methusalems unter den Multi-Factor-Angeboten zählt.

Der Smart-Beta-ETF folgt einem Index aus dem Hause MSCI, der darauf abzielt, von den Faktoren Value, Quality, Momentum und Size zu profitieren, ohne mehr Risiko als der Mutterindex MSCI World einzugehen.

Dabei gewichtet MSCI die Faktoren nach einem komplexen Modell halbjährlich neu.

Nach Berechnungen des Indexanbieters hätte der Multi-Factor-Index sein konventionelles Pendant auf Sicht auf von 15 Jahren mit einem Plus von 415 Prozent deutlich übertroffen, der zusätzliche Wertzuwachs läge bei 124 Prozentpunkten.

Seit seiner Auflegung hat der darauf basierende iShares-ETF aber einige Prozentpunkte schlechter als der MSCI World abgeschnitten.

Auf Sicht von drei Jahren sprangen lediglich 25,38 Prozent Plus heraus, während der MSCI World zeitgleich um 32,21 Prozent anzog:

Chartvergleich iShares Edge MSCI World MultiFactor Ucits ETF USD (Acc) und MSCI World Index

Der iShares Core MSCI World UCITS ETF (Acc) (WKN: A0RPWH) hat im vergangenen Jahr um über 4 Prozent besser abgeschnitten, wie folgende Abbildung zeigt:

iSares MSCI World

Quelle: justetf

Doch Faktor-Strategien können nicht nur schlechter performen, sondern haben auch gewisse Nachteile.

Faktor-Strategien mit mindestens zwei Haken

Am ETF-Markt herrscht ein harter Preiswettbewerb zwischen den Anbietern.

Selbst minimale Gebührenerhöhungen um nur wenige hundertstel Prozentpunkte sind dort nicht ohne weiteres möglich.

Mit neuen ETFs lässt sich erheblich mehr verdienen – allein schon deswegen, weil niemand so genau deren Zusammensetzung kennt.

Zwar kann man mit Smart Beta-Strategien den Markt durchaus schlagen – wenn es gut läuft, doch haben die neuen Fonds durchaus auch Haken:

3 Haken beim Factor Investing

Der erste Haken:

Smart-Beta-Produkte sind nicht so leicht zu verstehen wie klassische ETFs.

Anleger brauchen mehr Know-how, um mit diesen Produkten umgehen zu können.

Zwar werden die Algorithmen offengelegt, aber sie sind oftmals schwer zu durchdringen.

Und besonders schwierig wird es, wenn mehrere solcher Strategien in ein Produkt hineingepackt werden, wie bei Multi-Factor-ETFs.

Der zweite Haken:

Smart-Beta-Produkte kosten den Anleger deutlich mehr als klassische ETFs.

Das aber geht langfristig zu Lasten der Rendite.

Wobei genau dies der Punkt ist, der den Anbietern von Smart-Beta-ETFs viel Freude macht.

Der dritte Haken:

Zu spezialisierte ETFs verlieren den grundsätzlichen Vorteil von ETFs, nämlich die breite Risikostreuung.

Im Endergebnis ist es für Anleger besonders schwierig zu entscheiden, welche der vielen möglichen Strategien aktuell die vielversprechendste ist:

„Manche Strategien funktionieren nämlich und andere nicht“,

so Ali Marsawah von Morningstar.

Fazit: Mehr Rendite mit Factor Investing?

Factor Investing kann - muss aber nicht den Markt schlagen

Faktor-Prämien beruhen auf der aktuellen Kapitalmarktforschung und wurden für verschiedene Faktoren nachgewiesen.

Die bekanntesten und wichtigsten Faktor-Prämien gibt es bei

  • Small-Cap-Aktien und
  • Value-Aktien.

Werden sie im Portfolio berücksichtigt, soll im langfristigen Durchschnitt eine Mehrrendite von 1 bis 1,5 Prozentpunkten möglich sein.

Mit passivem Investieren, wie die Geldanlage in ETFs auch gerne genannt wird, hat dies jedoch nicht mehr viel zu tun.

Die Auswertung einer Untersuchung von Flossbach von Storch* zeigt, dass eine Reihe der analysierten  „Smart- Beta“- ETFs ihren Namen zu Unrecht trägt:

Die wenigsten dieser Produkte schafften es, die zugrunde liegende Benchmark zu schlagen. Im Durchschnitt schnitten die als smart titulierten ETFs um jährlich 0,5 Prozent schlechter ab als der breite Vergleichsindex.

Zumindest gilt dies für den betrachteten Zeitraum von 2003 bis 2017, in dem 180 Smart-Beta-ETFs untersucht wurden.

Zunächst lässt sich festhalten, dass die analysierten Smart Beta Strategien mit einer jährlichen Rendite von 10,8% eine ordentliche absolute Performance erzielt haben.

„Multi-Factor“-und „Value“-Strategien konnten gar Renditen von 12,6% erzielen.

Doch konnten lediglich Strategien, die sich an fundamentalen Kriterien orientieren, den Vergleich mit der Benchmark für sich entscheiden.

Zur Ehrenrettung von Smart-Beta-ETFs sei gesagt, das klassische, aktive Investmentfonds oft deutlich schlechter abschneiden und zudem wesentlich höhere Gebühren verlangen.

Eine Langzeitstudie von BNP Paribas Asset Management zeigt, dass einige Faktoren über einen längeren Zeitraum gesehen eine Überrendite erzielen konnten:

  • BNP Paribas Asset Management sahen sich den Stoxx Europe 600 näher an.
  • Demnach konnte etwa der Faktor „Momentum“ zwischen den Jahren 2000 und 2017 ganze 15-mal den Markt schlagen.
  • Genauso häufig im grünen Bereich war laut dieser Untersuchung der Faktor „Quality“.

Garantiert sind bei Smart-Beta-Strategien jedoch nur die höheren Gebühren, aber nicht immer ein bessere Performance als die des Basis-Index.

Noch ist das Konzept der Smart-Beta-ETFs recht  jung und weitere Untersuchungen müssen abgewartet werden.

Factor Investing bzw. Smart-Beta-Strategien sind also keine Garantie für eine bessere Wertentwicklung zu jeder Zeit, doch zur sinnvollen Ergänzung Ihres Portfolios eignen sie sich allemal.

 

*AGNIESZKA GEHRINGER UND KAI LEHMANN:

Smart Beta ETFs – Euphemismus par excellence (MARKTVERHALTEN 8/3/2018), Flossbach von Storch RESEARCH INSTITUTE

 

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2 Gedanken zu „Factor Investing: Den Markt mit Indexfonds schlagen“

  1. Danke für diesen sehr aufschlussreichen Artikel! Wie empfehlen Sie, wenn man sich dafür entscheidet, Faktorprämien in ein bereits existierendes Portfolio aufzunehmen?

    Einfaches Bsp: X Euro werden bisher zu 80 % in Industrieländer und 20 % in Schwellenländer investiert. Hierfür hat man 1-3 ETFs. Wie würden sie nun Faktorprämien hinzunehmen? Altes Portfolio stilllegen und ein neues Portfolio mit Faktor-Strategie aufbauen oder könnte es auch funktionieren zu dem existierenden Portfolio noch 1-2 weitere Fakor-ETFs hinzuzukaufen (z.B. ein Multi-Faktor-ETF oder ausgewählte spezifische Faktorprämien-ETF, eben je nach Strategie)?

    Danke nochmal für diesen wertvollen Artikel und ich bin gespannt auf Ihre Einschätzung.

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